Buch I – 1. Kapitel – Prolog

Südmeer jenseits den 40ten Breitengrades,
1. Oktober 2787  anno fundamentum dun hal

In Thorleifs Welt gab es nur Rosa. Und die Webleinen, die hinauf zum Drachen führten. Die Sonne musste gerade im Osten aufgegangen sein und färbte die Wolken um ihn herum in jenes morgendliche warme Rosa, das Thorleif besonders mochte, denn es kündigte den Tag an.

Und dass es überhaupt so hell hier war, liess ihn schliessen, dass die Wolkendenke, in der sich sein Luftschiff, die Dioritbrise, seit Tagen befand langsam dünner wurde und sie bald vielleicht sogar wieder klare Sicht hatten. Aber noch sah er nur die Webleinen, an denen er mit immer kälter werdenden Händen hinauf zum Drachen kletterte und eben jenes leuchtende Rosa in dem alles um ihn herum verschwand.

Der Kastendrachen war mit drei schweren Tauen am Luftschiff befestigt, die eine Lenkung ermöglichten und gab dem Schiff zusätzlichen Antrieb, bewegte sich aber rund 80 Meter über dem Schiff, wo meist noch kräftigere Winde wehten. Aber kurz an Beginn der Frühwache hatte der Drachen seltsam gezuckt und so war Thorleif hinaufgeschickt worden, um zu sehen ob dort alles in Ordnung war. Normalerweise war dies eine Aufgabe für Vollmatrosen und nicht für einen jungen Leutnantanwärter, wie Thorleif, aber er war vor einer Woche vorübergehend degradiert worden und gehört jetzt zu den Matrosen, lebte und arbeitete mit ihnen. Es war die Strafe für wiederholte Missachtung der Schiffsgesetze und Captain Cathrona duldete auf ihrem Schiff gerade unter den „Jungen Damen und Herren“, wie die Leutnantsanwärter genannt wurden keine Disziplinlosigkeit und erst recht keine Missachtung ihrer Authorität. Und so kletterte Thorleif an diesem Morgen bei schneidendem Wind hinauf zum Drachen.

Wie alle Castori hatte er ein besonders dichtes Fell und die Kälte der tiefen südlichen Breiten machte ihm wenig aus. Aber seine Urgrossmutter war eine Hasir gewesen und von ihrer hatte er seine grossen dunkelblauen Augen und die langen Ohren – die bei den Hasir „Löffel“ genannt wurden – geerbt, die seine Familie seit drei Generation eine besonderes Aussehen und exzellentes Gehör verlieh, die aber leider auch ziemlich leicht auskühlten und die er daher in einen Schal eingewickelt hatte. Jetzt tauchte der Kastendrache aus den hellrosa Wolken auf und Thorleif war schwer beindruckt von der gewaltigen Konstruktion. Er hatte den über zehn Meter breiten Kastendrachen schon oft gesehen, auf dem ganzen Weg in den tiefen Süden hatte ihn der  Captain oft hissen lassen, sie wollten das Südmeer noch im Sommer erreichen und Zeit war daher kritisch. Aber hier oben, bei voll ausgerollten Tauen, 80 Meter über dem Schiff war Thorleif noch nicht gewesen, obwohl die Tatsache, dass er auss dem Drachen selber und der Webleine, die nun nach unten im rosa Nichts verschwand nichts weiter sehen konnte, dem ganzen ein wenig die Dramatik nahm.

Thorleif kletterte in den Wartungssteg, der mittig im Drachen eingebaut war und durch den man ihn bis ganz nach vorne durchqueren konnte, ohne auf die Segelfläche treten zu müssen. Zunächste erholte er sich einen Moment. 80 Meter kletter ist selbst für einen kräftigen Jungen in seinem Alter anstrengend und er genoss den Triumph des Momentes, dann macht er sich auf den Weg nach vorne und inspizierte dabei die Segel und Rahmen auf wahrem Holz. Schon nach zwei Blicken erkannte er, dass ganz am vorderen Ende das Segel eingerissen war und er kletterte immer weiter in den Drachen hinein. Eines der Segel hatte in der Tat einen Riss, der sich bis zu einer der Querstangen zog. Und dort an der Querstang hing etwas. Als er an der Stelle angekommen war erkannte er, dass es die Spitze einer sehr breiten Feder war und blickte erstaunt aus dem vorderen Ende des Drachens hinaus. Hier hatte der Drachen ein Öffnung in der oberen Bespannung, so dass falls nötig ein Ausguck hier stehen konnte. Das wurde allerindgs nur selten gemacht, da der Drachen durch das zusätzliche Gewicht deutlich an Zugkraft vor. Er stand auf und blickte verwundert aus der Öffnung in die Wolken hinein, die jetzt begannen sich ins Orange zu färben. Der Wind erfasste seinen langen Löffel und er hatte Mühe wieter nach Osten zu blicken wohin der Wind blies. Schliesslich gab er dem Wind nach dreht er sich nach Westen, so dass ihm der Wind direkt ins Gesicht blies. Er suchte dabei den Himmel ab nach einem Vogel ab, von dem diese Feder stammen konnte, hatte aber wenig Hoffnung. Der Schaden musste schon vor einer ganzen Weile passiert sein und eigentlich flogen bei solch einem Sturm nur selten Vögel und schon gar nicht in so dichten Wolken.

Er hielt einen Moment gespannt inne und kniff seine grossen Augen zu. Irgendetwas stimmte nicht. Alle Murin hatte gute Instike, die sie vor Gefahr warnten. Thorleif lauschte. Und jetzt konnte er etwas hören. Ein tiefes Brummen mit einem hohen Oberton. Thorleif lebte und arbeitete schon seit seiner frühen Kindheit an Bord von Luftschiffen und er kannte die Geräusche, die ein Schiff bei voller Fahrt in einem Sturm machte. Das Knarre der Spanten und Planken, das Singen des Windes in der Takelage und die Vielzahl an Geräuschen, die eine wache Besetzung erzeugte. Aber dieses Geräusch kannte er nicht. Und dass er es trotzd des starken Windes gehört hatte konnte nur bedeuten, dass es entweder sehr laut, oder sehr nahe war. Vielleicht ein anderes Schiff? Sein Puls ging schneller. Aber das konnte nicht sein! In diese tiefen breiten hatte sich noch nie ein Schiff vorgewagt. Sie waren die erste Expedition, die sich soweit südlich traute. Ganzjährige Eisberge verhinderte die Annährung auf dem Wasser und in diesen Breiten wehten ebenfalls ganzjährig starke Winde, die es Luftschiffen fast unmöglich machten gezielt zu navigieren, von den mörderisch niedrigen Temepraturen selbst im Sommer ganz zu schweigen. Nein, ein andere Schiff war praktisch ausgeschlossen. Da war es wieder jetzt deutlicher hörbar und klar aus dem Süden kommend. Thorleif blickte zur Seite und starrte in das Orange-Grau-Blau im Süden. Dort war die Wolken etwas dichter und grauer als ringsum. Und sie wurden stetig dunklern. Eine Dunkelheite genau im Süden, die sich auszubreiten schien. Nein, die auf ihn zukam! Aber wie konnte das sein? Der Wind kam aus dem Westen, kein Luftschiff konnte 90° am Wind segeln. Thorleif hielt sich fester am Drachen fest und verkantene seine Beine in den Spanten des Drachen, wie um sich auf einen Aufschlag vorzubereiten. Dann war der gewaltige Schatten direkt über ihm, zog von Süden nach Norden durch die hellen Wolken und Thorleif folgt ihm, den Kopf nach oben reckend, den Mund offen vor Erstaunen und Erfurcht. Was immer da in den Wolken über ihm war, es war sicher 30 oder sogar 40 Meter lang und es hatte ein geschmeidige Form, wie er sie von Walen kannte, nur dass dieses Ding auf jeder Seite über fünf Flossen, nein, vermutlich Flügel verfügte. Dann ertönte wieder das Grollen, so laut, dass Throleif vor Schreck zusammenfuhr. Aber die hellen Obertöne klangen so wohlmeinend, dass er sich gleich wieder entspannte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er etwas und blickt gerade noch rechtzeitig wieder nach Süden um die gewaltigen Schwanzefeder die jetzt die Wolkendecke durchstiessen auf ihn zurasen zu sehen. Ohne nachzudenken hob er den Arm um sie zu berühren und als sein Hand durch die weichen Federn glitte packe er in jugendlicher Begeisterung zu. Er hätte vermutlich aus dem Ausguck gezogen werden können, aber er hatte Glück und die Feder löste sich, ohne Anstrenung, dann verschwand die Gestalt in den Wolken und er hielt eine gute 3 Meter lange grau-weiss-perlmuttene Feder in der Hand, die er eine Weile ungläubig und mit rasendem Herzen bestaunte. Ein Wolkenwal. Das musste ein Wolkenwal gewesen sein. Es gab Seemannsgarn über diese Wesen, aber kein zivilisierter Namensgeber hatte je eines gesehen und so gehörten sie mehr dem Reich der Mythen und Geschichten an, als der wirklichen Welt.

Dann blickte er wieder auf und sah das der Wolkenwal in seinem Kielwasser die Wolkendecke aufgerissen hatte und er hatte für ein paar Momente freien Blick nach Süden und was er dort sah, verschlug ihm schon wieder den Atem: Dort lag, die höchsten Gipfel schon in der Morgensonne golden leuchtend ein gewaltiges Gebirge. So gross, wie er zuvor keines gesehen hatte. Okanea war eine Welt aus Wasser und Inseln, selbst die grösste Insel Viktarin lies sich in wenigen Tagen mit einem Luftschiff überfliegen. Aber das was er dort sah ersteckte sich soweit er blicken konnte. Und wie er ungläubig in den Süden blickte erkannte er in den Hängen des Gebirges scheinbar regelmässige Formen und … Lichter an jenen Stelle der Berge, die noch im Schatten lagen. Den Nacken und seine Arme herunter stellten sich die Haare seines Pelzes auf. Aufregung, aber auch Angst durchfluteten ihn und er hielt die gewaltige Feder noch fester. Das würde ihm an Deck keiner der Offiziere glauben, erst Recht nicht der Captain – eine unglaubliche Geschichte dürfte ihre Geduld schon strapazieren, aber zwei waren wirklich zu viel.

Er band die Feder im Innern des Drachen sorgefältig fest und machte sich daran den Riss zu reparieren. Deswegen war er schliesslich hier hochgeschickt worden und er war nicht so dumm oder pflichtvergessen, das zu ignorieren. Dann machte er sich mit der Feder über seinen Rücken gebunden an den Abstieg.

Zwei Stunden später änderte die Dioritbrise ihren Kurs und hielt soweit südlich, wie sie nur konnte.


„Thorleif Amundal gilt bis zum heutigen Tag als einer der grössen Entdecker aller Zeiten, auf wenn das Glück auf seiner Seite war. Die Wolkenwale und den südlichen Kontinent, den ersten und einzigen Kontinent von Okanea binnen nur nur 5 Minuten entdeckt zu haben, dürfte ihm wohl auch in den kommenden Jahrhunderten so schnell keiner nachmachen.“

Aus der Enzyklopädia Okanea Luminor, zweite Ausgbe 2817 nach der Gründung von Dun Hal


Alle 4 Beiträge der Serie 'Buch I'

  1. Buch I – 1. Kapitel – Prolog
  2. Buch I – 2. Kapitel – Das Herz eines Königs
  3. Buch I – 3. Kapitel – Die Wächter
  4. Buch I – 4. Kapitel – Nackter Fels

4 Gedanken zu „Buch I – 1. Kapitel – Prolog“

  1. Oh, das macht Spaß zu lesen! Falls du neugierig auf Feedback bist: ich wundere mich, dass die Kapitänin die Entdeckung nicht für sich beansprucht, sondern die Enzyklopädie tatsächlich Thorleif erwähnt. Es wäre vielleicht sogar ein interessanter Twist, wenn dort dann plötzlich Cathrona erwähnt würde.
    Andernfalls wäre ich neugierig auf diese sehr ehrenvolle Kultur, in der tatsächlich der lowly crewman bei sowas credit bekommt.

    Jetzt will ich einen Wolkenwal.

  2. Oh, vielen Dank! Ich hatte den Text hier im Grund bisher nur indirekt einer anderen Person gezeigt, weil ich den auch erstmal noch korrekturlesen wollte. Aber er ist ja auch schon über ein Jahr alt, Mann, Mann, Mann.

    Zum Feedback: Thorleif ist ja eigentlich Leutnantsanwärter und damit Teil des Offiziecorps und wird später selber Capitän werden. Vor allem aber ist Titus Pergamon Luminor, der namensgebende Autor der Enzyklopädie ein ausgesprochen wahrheitsliebender Mann, und Thorleif und er treffen im Laufe der Geschichte noch aufeinander. Und Captain Cathrona wird zudem schon wenige Tage nach diesem Prolog den Tod finden, noch bevor sie einen Fuss auf den Südkontinent setzen kann.

  3. Ach und, wo ich Dich schon hier habe: Findest Du, dass die ersten Absätze verständlich sind, dass sich erschliesst, dass Thorleif auf einem Luftschiff ist, das von einem Drachen gezogen wird, zudem er hochklettert?

    1. Verstehe, dann macht das natürlich Sinn! Cool, wie vertraut dir die Figuren sind, das gefällt mir!

      Und: Ja, das versteht man spätestens, sobald von einem Luftschiff die Rede ist… 🙂
      Vorher war für mich auch noch denkbar, dass es kein Kite sondern ein Dragon wäre, aber das ist sprachlich halt nicht zu trennen. Vielleicht würde es deutlicher mit einem nautisch klingenden Namen? Zugdrachen? Windtriebdrachen?

      Gestolpert bin ich übrigens über die Info, dass ein Ausguck in den Drachen kann, das aber den Antrieb mindert… Ist das so? Zieht ein schwererer Drachen schlechter? Durch die Verwirbelung der Luft? Gewicht hat mir nicht eingeleuchtet, Lenkdrachen zB sind ja recht schwer und ziehen wie Sau.

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