Buch I – 2. Kapitel – Das Herz eines Königs

Stadt und Königreich Dun Hal,
5. März 2792

„Danke, Nurah.“ waren die letzten Worte Königs Arlamerian Tiefenrune des IIIten. Nurah blickt ihm in die Augen und hielt seine rechte Hand. Seine Linke hatte sich um das Messer in seiner Brust geschlossen. Er lag auf seinem gewaltigen Bett als ein letzter Atemzug seinen Körper verliess und die Kraft in seinem Händedruck nachlies.

Nurah blickte noch für einen Moment auf ihr Werk. Die Sicherheit, das Richtige getan zu haben, hatte sie immer noch nicht verlassen. Dann zog sie ihr Messer aus der Brust des Königs und begann seinen Brustkasten routiniert aufzuschneiden. „Eure Majestät hat dafür jetzt keine Verwendung mehr.“, flüsterte sie, als sie schliesslich das noch warme Herz aus seiner Brust schnitt, einen Bissen nahm und umgehend merkte, wie die Energie der anderen Seite sie durchflutete. „So schmeckt also das Herz eines Königs.“

Sie wischte sich das Blut aus dem schwarzen Pelz an ihrem Kinn und blickte noch einmal zu Alamerian herab. „Ich hoffe, das war es wert, eure Majestät.“ Dann liess sie der Kraft der anderen Seite freien Lauf. Ihre Siluette im Raum verschwomm und alles um sie herum wirkte für sie mit einem Mal wie mit blauenm Licht gezeichnet. Sie wandte sich dem verborgenen Gang zu, durch den sie gekommen war und jetzt fliehen würde. „Für die Republik!“ murmelte sie still, als sie ihre Flucht antrat. Noch ahnte sie nicht, wie bald schon sie wieder in diesem Gemach stehen würde.


Zwei Wochen zuvor. Nurah verliess den Schienenwagen, der sie den 20 Kilometer langen Weg vom Hafen hinab zum Stadttor der unterirdischen Grossstadt Dun Hal gebracht hatte. Nurah war vergleichsweise klein und konnte zwischen den anderen Passagieren nicht viel erkennen. Aber der vetraute Geruch, der Geruch Dun Hals, löste umgehend eine ganze Kette von Erinnerungen aus; viele gute, aber mehr schlechte. Sie kannte sich hier aus. Sie strömte mit den anderen durch das Tor und dahinter erhob sich die Decke immer weiter und gab den Blick auf eine gewaltige Kuppel frei. Ihr Mitreisenden teilen sich mehr oder weniger gleichmässig entweder nach rechts oder links auf, aber Nurah ging weiter gerade aus, direkt bis zur Balustrade der Promenade. Mehrere Stockwerkte unter ihr erstreckte sich der grosse Markplatz von Dun Hal. Eine mehrere hundert Meter durchmessende Halle, durchzogen von breiten Strassen und mehreren zentralen Säulen, die das Dach der gewaltigen Kuppel des Raumes trugen. Alles war im hellen gelb und grün der Pflanzenlampen erhellt. Auf dem Markt herrschte, wie immer reges Treiben. Die Bevölkerung von Dun Hal liebte bunte Kleidung und gutes Essen. Sie war lange fortgewesen, aus guten Gründen, aber jetzt musste sie sich eingesehen, dass sie das hier vermisst hatte.

Die Freude des Wiedersehens wärte nur einen Moment. Dann fiel ihr wieder ein, warum sie fortgegangen waren, warum sie dieses Juwel der Städte verlassen hatte und sie blickte sich sorgsam um. Ihr schwarzes Fell war selten. Und ihre Mutter hatte mit grosser Sicherheit Augen und Ohren hier am Tor. Sie warf sich die schlichte Leinenkapuze über und wandte sich zu einer der breiten Treppen, die hinunter auf den Markt führten. Als sie zwischen den ersten Ständen ankam, bemerkte sie, dass sich die Dinge verändert hatten, seit sie fortgegangen war. Die Reichen wirkten noch extravaganter, ihre Roben waren opulenter und mit unverhohlenen Obszönitäten dekoriert. Und die Armen waren mehr geworden. Vor allem aber herrschte eine ganz leicht angespannte Atmosphäre, die sie zuvor nur aus den dunkleren Gasthäusern kannte. Als wäre die Hälfte hier nur auf eine Prügelei aus und als würde die andere Hälfte nichts mehr als genau das fürchten. Hier und dann hingen Flugblätter an Wänden und Ständen, mit einfachen Parolen und Karikaturen der Reichen und Mächtigen. „Die Gesandte hat nicht übertrieben. Die Lage hat sich wahrhaftig zugespitzt. Ich sollte hier nicht rumtrödeln. Die Zeit drängt. Aber erst ein gutes Hasperat. Ich bin am verhungern.“

Zwei Stunden später sass sie zehn Stockwerke tiefer in einer neuen Gaststätte, die vor 4 Jahren noch nicht existiert hatte, aber schon aussah, als hätten hier schon 20 Generation von Mineur.innen ihren Feierabend genossen. Es wurde viel billiges Bier getrunken, und Arbeiterlieder gesungen. Nurah kannte viele der Lieder. Sie war früher oft in Kneipen wie dieser gewesen, ihre ganze Jugend quasie. Aber in den Jahren seit sie fort war hatten sich die Texte etwas verändert. Hier und da ein Stich gegen die Reichen, dort eine Spitze gegen den Adel. Dann und wann erklangen neue Leider. Lieder, die sie mehr an jene aus der Armee erinnerten. Kampflieder. Obwohl sie selber aus einer einflussreichen Familie stammte, hatte sie sich hier, zwischen den Arbeiter.innen immer wohler gefühlt. Schon von Kindesbeinen an, hatte sie die Kluft zwischen den Reichen und Armen in Dun Hal aus tiefstem Herzen für falsch empfunden. Aber sie hatte genug sinnloses Blutvergiessen gesehen und inzwischen ein gesundes Misstrauen gegen kämpferische Rhetorik entwickelt. Dann setzt sich eine andere, kräftig gebaute Murinir in Arbeiter.innen-Kluft an ihren Tisch, liess im Abstellen ihres Bierkruges kurz ein Siegel auf der Handinnenseite eines Rings erkennen. Eine Botin des Auges.

Sie wechselten ein paar Worte über die Qualität der öffentlichen Brote, das Bier, Probleme bei der Bewetterung der neuen Ebenen; übliche Gesprächsthemen der Arbeiter.innen. Sie wechselten zur politischen Lage, tauschten aber nur Platitüden aus. Dann reichte die Botin Nurah ein kleines Heft, mit rotem Umschlag. Ein einfaches Propaganda-Heftchen. Solche billig produzierten Flugschriften kursierten überall, wo Arbeiter.innen sich trafen. Nurah nahm das Heftchen, blätter etwas darin und fand schnell Seite, die einen Passierschein für den königlichen Palast enthielt. Nurah blickt die kräftige Botin an, die plötzlich einen weitaus klügeren, vorsichtigen Blick trug als noch einen Moment zuvor. „ER will Dich sobald wie möglich sehen. In zwei Stunden. Nimm das Portal der Akademiker!“ Nurah schoss Adrenalin in den Bauch. Als ihr vor 6 Wochen eine Hanuman gesagt hatte, der König von Dun Hal brauche ihre Hilfe, hatte sie gedacht, das sei eine Floskel. Zuoft hatte sie in der Armee Sätze wie „Der König will, dass ihr dies oder das … „ gehört. Aber der Passierschein liess keinen Zweifel. Der König selbst wollte sie sehen.

Nurah kannte Arlamerian den III aus Kindertagen. Ihre Mutter war eine bedeutende Strategin am Hofe gewesen. Nurah hatte viel Zeit im Palast verbracht und Arlamerian schien sie ins Herz geschlossen zu haben. Er war damals schon uralt gewesen, zumindest in Nurahs Kinderaugen. Aber als Nurah älter wurde, mied sie den Palast und trieb sich in den Arbeiter.innenvierteln herum. Aber den alten Arlamerian hatte sie stets in guter Erinnerung behalten. Er war als König stets ein Vermittler. Gewesen. Aber die Kaufleute und Aristokraten gewannen gegenüber dem Königshaus mit jedem Jahr an Macht, die Ungleichheit wuchs und Arlamerian konnte nur die schlimmsten Auswirkungen abmildern. Als Nurah, damals schon eine junge Frau, erkannte, wie machtlos der König von Dun Hal eigentlich war, brach etwas in ihr. Sie schritt damals schon auf dem Weg der Geisterbeschwörerin. Und einmal noch war sie damals im Palast gewesen. Dekan Titus Pergamon Luminor, Dekan der Universität von Dun Hall und persönlicher Ausbilder der Tochter des Königs, wollte mit ihr über die Wege der Geisterbeschwörung sprechen. Nurah hatte das Gespräch in seltsamer Erinnerung. Obwohl Titus Luminor ein Gespräch auf Augenhöhe führte, hatte sie doch den Eindruck geprüft, oder beurteilt zu werden. Aber sie war jung und verwandte nicht viele Gedanken darauf … bis heute.

Zwei Stunden später sass Nurah in der Tat Arlamerian dem III gegenüber. „Er war kaum gealtert, was aber auch kein Kunststück ist„, dachte Nurah, „noch älter könnte er nur aussehen, wenn er eine Leiche wäre.“ Sie schwiegen und blickten sich an. Nurah hatte sich in seiner Gegenwart nie als Untertaning gefühlt. Und er hatte sich in ihrer Gegenwart in der Tat nie als König gefühlt. „Ich muss Dir etwas gestehen, dass Du vermutlich schon weisst: Ich war fast immer auf dem Laufenden, was Deine … Fortschritte angeht.“ Nurah wusste, dass sie weite Teile ihres Lebens beschattet worden war. Sie konnte sich nicht an eine Zeit erinnern, in der das Gefühl nicht anwesend war. Aber … sie hatte immer gedacht, dass es die Augen und Ohren ihrer Familien waren. „Das Auge hat Dich stets im Blick behalten und mir regelmässig berichtet.“, gestand der alte Murinir, mit einem ganz leichten Anflug von Wehmut im Blick. „Du weisst, dass Du etwas Besonderes bist, nicht wahr?!“ fuhr er fort. Nurah hätte beinahe laut gelacht. Ihre Mutter hatte dies Worte oft genutzt; um sie zu disziplinieren, um sie zu „loben“, um sie zu tadeln, um sie an sich zu binden. Aber Nurah ahnte, dass Arlamerian auf etwas anderes, Dunkles hinauswill. Sie kann es förmlich sehen, wie einen Pfad, der sich vor ihr auftut. Nurah Eisenfresser wusste nur zu gut, dass sie etwas Besonderes war. Sie wusste, was sie vermochte. Sie wusste nur zu gut, für welche Sorte von Aufgaben man sie rief. Ein Moment verstrich. „Ich bitte Dich um Vergebung.“, sagte der König. „Und ehe dieses Gespräch zu Ende ist, werde ich Dich noch einmal um Vergebung bitten müssen. Ich werde Dich um etwas Bitten müssen, das man eigentlich nicht erbeten kann. Aber … die Welt ist aus den Fugen, und wir beide sind in der Lage, sie vielleicht wieder einzurichten …“

Eine Stunde später verliess Nurah den Palast unerkannt, fast unsichtbar. Sie hatte zwei Wochen Zeit, sich auf eine fast unmögliche Aufgabe vorzubereiten. Sie würde zur Königsmörderin werden …


„Der Tod König Arlamerian dem III wird inzwischen rückblickend als Anlass jener dramatischen Ereignisse betrachtet, die unser Königreich in den folgenden Jahren mehrfach umgewälzt haben. Aber die meisten Historiker sind sich inzwischen einige, dass in seinem gewaltsamen Tod nicht die Ursache jener verhängnisvollen Entwicklung zu sehen ist. Und auch wenn die Frage, wie unsere Geschichte ausgesehen hätte, wenn er nicht auf so gewaltsame und ungeklärte Weise aus dem Leben und dem Amt geschieden wäre nur akademischer Natur ist, beschäftigt diese Frage bis heute doch viele.“

Aus der Enzyklopädia Okanea Luminor, zweite Ausgbe 2817 nach der Gründung von Dun Hal

Alle 4 Beiträge der Serie 'Buch I'

  1. Buch I – 1. Kapitel – Prolog
  2. Buch I – 2. Kapitel – Das Herz eines Königs
  3. Buch I – 3. Kapitel – Die Wächter
  4. Buch I – 4. Kapitel – Nackter Fels

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